
Als ich die wunderbare Strauch- und Kletterrose ’Ghislaine de Féligonde’ in meinen Kleingarten gepflanzt hatte, da haben mir die unterschiedlichen Arten der Aussprache, die ich zu hören bekam, nicht mehr genügt. Mit ausgesprochenem s oder ohne s? Vornweg mit stimmhaftem weichem Sch wie bei Gigolo oder mit hartem G wie bei Granit?
In Mallorca am Strand von Port de Pollensa sassen neben mir drei Französinnen, als ich den Namen Ghislaine in einer deutschen Zeitung las. «Wie, bitte, sprechen Sie dies hier aus?» wollte ich wissen, und sie gaben mir Bescheid: Gislaine, wie bei Gigolo und mit s am Ende der ersten Silbe. Aber ganz zufrieden war ich nicht, weil inzwischen Rosenfreunde von einer Reise in die Normandie mit einer ganz anderen Botschaft zurückgekehrt waren.
Ich blieb an diesem so überaus wichtigen Detail ganz intensiv daran – wo kommen wir schliesslich hin, wenn wir es mit dem Benennen von Rosen nicht ernst nehmen! Mein Glück: In Hannover, im damaligen «Institut Français», lehrte eine Französin, die genau diesen Vornamen trug, und die musste ja nun wirklich wissen, wie ihre Eltern sie genannt hatten. Und das war die Erklärung: Zwei unterschiedliche Aussprachen sind bei diesem zauberhaften Zungenbrecher möglich. Die Variante mit dem Gigolo vorweg und dem ausgesprochenen s ist die volkstümliche, die Kleine-Leute-Vertonung. Und die vornehme der feineren Welt: Gi-laine, ganz ohne s und mit hartem G, wie beim Granit.
Seit ich das weiss, erzähle ich es in Gartenfreundeskreisen mit höchst unterschiedlichem Erfolg. So recht glauben will man es mir meistens nicht. Und ab und zu höre ich auch – der Anmut und Lieblichkeit von ’Ghislaine de Féligonde’ und dem Reiz ihrer Blüten zum Trotz ein ganz schnödes «Schissläng».
Aus «Der mit den Rosen spricht». Hartmut Brinkmann, Kosmos-Verlag





